Welchen Stellenwert hat die nachhaltige Transformation im Augenblick für Unternehmen in der Prozessindustrie?
Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als ob das Thema in den Hintergrund gerückt ist, weil so viele Unsicherheiten die Weltwirtschaft prägen. Auf lange Sicht wird trotzdem jedes Unternehmen die eigene nachhaltige Transformation anstreben oder weiter vorantreiben – auch wenn der Weg dorthin kein einfacher ist, das Ziel steht fest.
Was macht Sie da so sicher?
Nachhaltige Transformation beinhaltet nicht nur, weniger Emissionen auszustoßen oder Ressourcen zu verbrauchen und damit die Umwelt zu schützen. Vielmehr liegt darin der Schlüssel zu mehr Wettbewerbsfähigkeit. Im Kern geht es darum, effizienter zu wirtschaften und neue Märkte zu erschließen. In welchem Tempo und mit welchen Schwerpunkten unsere Kunden das tun, ist jedoch von Fall zu Fall verschieden.
Wo liegen für Ihre Kunden die größten Herausforderungen auf dem Weg der nachhaltigen Transformation?
Global sind es die geopolitischen Umbrüche und internationalen Handelskonflikte. In den jeweiligen Branchen gibt es spezifische Herausforderungen: Die Öl- und Gasindustrie muss neue Geschäftsmodelle entwickeln, die Stahlindustrie auf Direktreduktionsanlagen umrüsten, die Zementindustrie ihre prozessbedingten Emissionen abscheiden. In der Chemieindustrie herrscht ein Investitionsdruck bei unsicheren Marktbedingungen. Der Energiesektor muss den Umstieg auf erneuerbare Quellen bewältigen und gleichzeitig die Versorgungssicherheit gewährleisten. Die Life-Sciences-Industrie benötigt hochintegrierte Anlagen für flexible Produktionsgrößen. In der Lebensmittelbranche geht es vor allem um mehr Ressourcen- und Energieeffizienz, wie auch in der Wasser- und Abwasserindustrie.
Wie unterstützt Endress+Hauser die Kunden bei diesen Aufgaben?
Unser breites Portfolio an Messtechnik und Lösungen ermöglicht
unseren Kunden präzise Einblicke in ihre Prozesse. So helfen wir
ihnen, ihren ökologischen Fußabdruck zu verkleinern, Kosten zu
reduzieren, regulatorische Vorgaben einzuhalten und neue Technologien auszurollen.
Zum Beispiel?
Wir haben uns bei Endress+Hauser früh mit der Wasserstoff-Wirtschaft beschäftigt und jetzt das erste eichfähige Ultraschall-Durchflussmessgerät für Wasserstoff auf den Markt gebracht. In Rechenzentren hilft unsere Messtechnik, den Energieverbrauch zu senken. Für die Lebensmittel- und Life-Sciences-Industrie bieten wir besonders kompakte Sensoren. Messstellen zur Flüssigkeitsanalyse in Wasseraufbereitungsanlagen lassen sich mit unseren Liquiline Edge Modulen für die Fernüberwachung nachrüsten. Und für große Anlagen mit enormen Datenmengen wie in der Chemieindustrie bieten wir für fast alle Messgrößen Geräte mit Ethernet-APL.
Inwiefern hilft Digitalisierung bei der Transformation?
Wenn Digitalisierung und Nachhaltigkeit strategisch verzahnt sind, verstärken sie sich gegenseitig. Technologien wie Ethernet-APL oder auch unser IIoT-Ökosystem Netilion machen das anschaulich: Sie erschließen in Echtzeit Daten aus dem Feld und machen sie nutzbar – auch für KI-Anwendungen. Die Industrie kann durch die Digitalisierung also wertvolles neues Wissen aus verfahrenstechnischen Anlagen gewinnen und sich so weitere Möglichkeiten der Optimierung erschließen.
Welche Erwartungen haben Kunden vor diesem Hintergrund an Endress+Hauser?
Unsere Kunden wollen Nachhaltigkeit mit Wachstum verbinden. Um das zu schaffen, brauchen sie zuverlässige Partner, die den Wandel über einen langen Zeitraum hinweg in enger Kooperation mit ihnen gestalten und ihnen helfen, die Komplexität zu bewältigen. Wir sind hierfür die richtige Wahl, weil wir Qualität, Branchenkenntnis, Anwendungswissen, Liefertreue und digitale Kompetenz vereinen. Als Familienunternehmen stehen wir für Langfristigkeit und Stabilität. Wir sind bereit, von unseren Kunden zu lernen und Erfahrungen zu teilen. Nur so können wir künftige Anforderungen früh antizipieren und entsprechende Technologien entwickeln.
Wie treibt Endress+Hauser den eigenen nachhaltigen Wandel voran?
Mehr als 97 Prozent unseres CO₂-Fußabdrucks stammen aus den vor- und nachgelagerten Wertschöpfungsketten, dem sogenannten Scope 3. Entsprechend groß ist die Herausforderung, unser Portfolio zu dekarbonisieren. Mit einer gruppenweiten Ökodesign-Richtlinie für die Produktentwicklung wollen wir Nachhaltigkeit als Hebel nutzen: Wenn wir für die Herstellung unserer Geräte weniger Material benötigen und ihren Energieverbrauch senken, schaffen wir einen Mehrwert für unsere Kunden – wir können verbesserte Leistung zu einem fairen Preis oder gleiche Leistung zu niedrigeren Kosten anbieten.
Die Märkte im Blick
Laurent Mulley (57) leitet seit 2023 als Chief Sales Officer die globale Vertriebs- und Serviceorganisation von Endress+Hauser. Sein Herz schlägt für den Fußballclub AJ Auxerre und für die Messtechnik. Der studierte Physiker mit zusätzlicher Ausbildung in Marketing und Vertrieb stieß 2012 zum Unternehmen und übernahm 2016 die Geschäftsführung von Endress+Hauser Frankreich. Er ist verheiratet und Vater von vier Kindern.